Tier-Mensch-Beziehung

Ich möchte Ihnen auch einige Informationen über die wissenschaftlichen Erkenntnisse über die Tier-Mensch-Beziehung mitteilen. Es gibt mittlerweile sogar Überzeugungen, dass durch die Sesshaftwerdung der Menschheit, die damit verbundene Landwirtschaft sowie die Domestizierung einiger Tierarten unsere heutige Entwicklung, bis hin zum Fliegen auf den Mond, überhaupt erst möglich wurde. Wären wir Jäger und Sammler geblieben sähe die Gegenwart sicherlich anders aus.

Vor ungefähr 10  000 Mio. Jahren begannen die Menschen das Prinzip der Kooperation nicht nur innerhalb ihrer Art sondern auch mit anderen Lebewesen   – die Domestikation der Tiere begann.

Die Domestikation hat grundlegende Bedeutung für die Beziehung zwischen Mensch und Tier, auch wenn bis heute keine Einigkeit über die ursprünglichen Gründe dafür in der Wissenschaft herrscht. Nach Boessneck werden folgende zwei mögliche Gründe in der Wissenschaft diskutiert:

  • Tiere als Helfer in der Jagd und als Nahrung (ökonomische Gründe) und
  • psychoemotionale Gründe.

Die ursprüngliche Meinung der WissenschaftlerInnen, Tiere wären als „Nutztiere“ domestiziert worden, wird durch die Forschung der psychoemotionalen Gründe für die Domestizierung relativiert. In letzter Zeit wird prolongiert, dass es vielmehr ein Ineinanderfließen beider Aspekte war (Boessneck 1983).

Interessant für die gegenwärtige Entwicklung, Tiere (heil-)pädagogisch bzw. therapeutisch zu  „nutzen“  ist, dass das psychoemotionale Moment der Mensch-Tier-Begegnung nicht eine Erfindung des 19. Jahrhunderts ist. Sicherlich hatten Tiere schon lange Zeit vor ihren Entdeckungen für die Medizin und Pädagogik, einen wichtigen psychoemotionalen Stellenwert.

Die Geschichte der Definition von Tier und der Mensch-Tier-Beziehung (ich bezeichne es lieber als Tier-Mensch-Beziehung) ging wohl immer einher mit der Entwicklung der jeweiligen Kultur. Ein deutscher Wissenschaftler fasst die Bedeutungen von Tieren für eine Gesellschaft so zusammen: „Die Art und Weise wie der Mensch zum Tier steht, wie er die Tierwelt als Ganzes, vor allem aber bestimmte Tierarten und deren einzelnen Individuen bewertet, benutzt und verändert (…) gehört zu den charakteristischen Eigenheiten jeder einzelnen Kultur“ (Müller-Karpe 1983, S. 1).

In dieser gemeinsamen Kulturgeschichte gab es immer wieder Zeiten in denen es eine sehr enge Tier-Mensch-Beziehung gab, was meist mit dem Zugeständnis einer Seele beim lebendigen Tier ausgedrückt  wurde. Aber auch Epochen der völligen Abgrenzung des Menschen vom Tier kennzeichnen die gemeinsame Geschichte.

Descartes gilt sicherlich als einer der extremsten Vertreter für die schrittweise Entfernung des Menschen von seiner Verbundenheit mit den Tieren. Mit dem Darwinismus stieg der Glaube an tierische Gefühle und Gedanken wieder an und einzelne Vertreter traten öffentlich dafür ein, dass Tiere Verstand und Gedanken wie Menschen hätten.

Darwin selbst, der mit seiner Evolutionstheorie sicherlich einen der entscheidendsten   Paradigmenwechsel in der Wissenschaft veranlasste, meinte bezüglich des Unterschiedes zwischen der Seele vom Mensch und höheren Tieren, dieser sei „doch nur ein gradueller und  kein prinzipieller. Wir haben gesehen, dass die Gefühle   und Anschauungen, die verschiedensten Affekte und Fähigkeiten, wie Liebe, Gedächtnis, Aufmerksamkeit, Neugierde, Nachahmungstrieb, Überlegungen und so weiter, deren sich der Mensch rühmt, in ihren Anlagen und manchmal auch in ziemlich entwickeltem Zustand in den Tieren vorhanden sind“   (Charles Darwin, 1981, zit. nach Gould und Gould 1997, S. 3f).

Als einer der wichtigsten Wissenschaftler, der das Tierbild prägte, ist wohl auch Konrad Lorenz zu nennen. Er gilt als Vater der modernen Verhaltensforschung. Die Grundlage seiner Theorie besagt, dass das Verhalten zwischen Tierarten, aber auch zwischen Mensch und Tier vergleichbar ist und dass es ähnliche Entwicklungen durch die gemeinsame Evolution gibt.

Das aktuelle Tierbild ist geprägt von den Extremen der ökologischen Nutzung zur Nahrungsmittelproduktion und der Haustierhaltung. Wird in der einen Beziehung das Tier völlig entpersonalisiert um es in Massen töten zu können, so findet sich auf der anderen Seite eine besondere Personalisierung der Tiere. Diese Extreme in der Beziehung des Menschen zu Tieren sind ein interessantes Phänomen der Neuzeit. Die heutige Gesellschaft gilt in dieser Diskussion auch als Heimtiergesellschaft, während die Landwirtschaft und die dortige Bedeutung der Tiere sich immer mehr auf industrieähnliche Großbetriebe konzentriert.

Die Wissenschaft beschäftigt sich in den letzten Jahren in zahlreichen Studien mit den unterschiedlichsten Gebieten in der Erforschung der Tiere, der Tier-Mensch-Beziehung und ihrer sozialen und ökologischen Welt, besonders Lernen, Kommunikation und Bewusstsein sind viel beforschte Themengebiete  –  wenn auch mit sehr unterschiedlichen Ansätzen, Wissenschaftsmethoden und daraus folgenden Grundannahmen.

Dem aktuellen Forschungsstand entspricht zusammenfassend folgendes Tierbild: Höhere Tiere sind stark an die biologische Grundstruktur gebunden und bestehen aus einer differenzierten Bio-, sozio-, physiologischen Einheit. Dies bedeutet u.a. dass soziale Aspekte (Beziehung, Kommunikation, Interaktion) in ihrem Leben und Entwicklung eine wichtige Rolle spielen bzw. fast schon  – wie auch beim Menschen – von einer sozialen Gebundenheit gesprochen wird. Ausgehend von dieser Grundannahme dass höhere Tiere viele Fähigkeiten und Eigenschaften mit Menschen gemein haben, wird klar, dass es einen Austausch zwischen Menschen und verschiedenen Tierarten immer gegeben hat und immer geben wird. Die tiergestützte Therapie und tiergestützte Fördermaßnahmen stellen eine wundervolle Möglichkeit eines „Austausches“ (Beziehung, Interaktion) dar.